Vor tausenden von Jahren…

…streiften unsere wilden Urahnen durch die Wüsten, Savannen und Wälder der jüngeren Erde. Im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten, wanderten sie auf der Suche nach Wasser, Essbarem, Rastplätzen und vielleicht auch aus Neugier durch die Wildnis, die noch eine unberührte war. Sie lebten in Sippen, in Clans, in großen Familien und verstanden sich als einen vollständig integrierten Teil der Natur.

Mit dem Ackerbau änderten sich die Lebensumstände dramatisch. Ein Nomadenleben war nicht mehr nötig. Die ersten festen Siedlungen entstanden. Es begann ein Wandel des inneren Menschen, der im Laufe der kommenden Jahrtausende den gesamten Planeten bis zur Unkenntlichkeit umgestaltete.

Viele Bedürfnisse und Fähigkeiten aus früheren Zeiten sind neuen gewichen oder wurden verschüttet. Die meisten Menschen wachsen heute in einem Umfeld auf, welches sich kaum ändert. Es gibt keinerlei Notwendigkeit für eine Veränderung. Oder doch? Wenn das Wasser aus dem Wasserhahn kommt, das Feuer aus dem Feuerzeug, die Wärme aus elektrischen Heizgeräten, die Lebensmittel aus dem Supermarkt und die Sicherheit aus einem fest strukturierten Netz durch Familie, Freunde, Nachbarschaft und den strengen Gesetzen der zivilisierten Gesellschaft, was treibt einige Menschen dazu, diese Sicherheit aufzugeben und auf lebenslange Wanderschaft zu gehen?

 

Was treibt Menschen dazu, ihr gewohntes Leben aufzugeben, allen Besitz zu verkaufen und heimatlos in der Welt umherzuziehen?

Ist es Abenteuerlust? Ist es Langeweile? Ist es ein Davonlaufen vor alltäglichen Problemen? Ist es das Hoffen auf einen Neuanfang? Ist es Freude oder Verzweiflung? Ist es die Liebe zum Leben oder die Angst davor? Ist es ein Ziel? Ist es das Meer? Ist der Weg das Ziel?

Gibt es vielleicht Menschen, die die tiefverwurzelte Nomadenseele unserer Ursprünge noch nicht verloren haben und ohne nachzudenken einem inneren Rufen folgen, vollkommen egal, was dort draußen auf sie wartet?

Bereits als kleines Kind wollte ich losziehen, ins Unbekannte.

Ich wollte unter jeden Stein gucken, über jeden Zaun springen, auf jeden Baum klettern und jeden Ozean überqueren. Ich wollte wild und frei in der Natur leben, aus purer Neugier, aus purer Freude. Ich schrieb über 20 Lieder, die alle davon handelten, mit wilden Wölfen in den Wäldern zu leben. Konventionen, gekämmte Haare und gute Noten kümmerten mich nicht im Geringsten. Es war die Freiheit, die mich interessierte. Dieses Wort war riesengroß in meinem Kopf. Die Jahre vergingen unbereist. Es gab Zeiten in denen ich stabil war und das Leben genoss. Es gab Zeiten in denen ich kurz davor war, mich umzubringen.

Eines war mir jedoch immer klar und hat sich niemals geändert. Ich hatte keine Lust auf Verträge, 9 to 5 Jobs, Haus, Ehemann und Kinder. Irgendwann nach meinem 18. Lebensjahr würde ich in die Tat umsetzen, wovon ich als kleines Kind begann zu träumen. Ich würde zur Nomadin werden. Das stand immer außer Frage, ganz egal wie sehr die Umstände auch dagegensprachen. Und so passierte es. Ich reiste los. Ich konnte mir vom ersten Moment an kein anderes Leben mehr vorstellen, obwohl ich weder glücklicher wurde, noch wurde mein Leben einfacher. Es fühlte sich einfach richtig an. Ich fand mein zu Hause, indem ich keines mehr besaß.

Die gängigen Meinungen der konventionell Lebenden zu diesem Thema haben mich nie interessiert, daher kam ich auch nie in Versuchung, einer bestimmten Konvention zu folgen, um dazuzugehören. Es war mir schlichtweg egal und ich dachte nie darüber nach. Die Frage: „wie erkläre ich es Hin und Kunz“ kam nicht auf. Ich war später im Leben doch sehr überrascht, wieviele Langzeitreisende mit schlechtem Gewissen, Zweifeln und kreisenden Gedanken über Muttis mahnende Worte herumreisten. Geschweige denn, sich über dubiose Lücken im Lebenslauf Gedanken machen. Aber auch diese Ängste müssen ernstgenommen werden, damit sie überwunden werden können.

 

Macht reisen glücklich oder laufen wir davon?

Manchmal wird das Reisen an sich als Sinn des jeweiligen Lebens erklärt. Manchmal werden Probleme im heimischen Alltag mit unerfüllten Reiseträumen bzw. einem unpassenden, sesshaften Lifestyle erklärt. Doch auch ich habe auf Reisen nicht mein Glück gefunden, sondern nur äußere Umstände geschaffen, die besser zu meiner Natur passen. Die Arbeit an meinen Problemen wurde keinen Deut leichter. Sie erschwerte sich sogar, da ich als Alleinreisende von keiner Seite aufgefangen wurde.

 

Was daran soll glücklich machen?

Nichts davon macht glücklich, ist meine persönliche Antwort auf diese Frage. Ich lerne unterwegs vollkommen normale Menschen kennen, mit normalen Problemen. Ehemalige sesshafte Menschen, die vor einem Leben geflohen sind, welches ihnen nicht passte. Nomadentum stand ihnen einfach besser. Glücklich machte es keinen von ihnen. Zufriedenheit entsteht durch die Arbeit mit sich selbst. Die äußeren Umstände können diese Arbeit, wenn überhaupt, nur ein wenig erleichtern.

Warum gibt es dennoch Menschen, die erst nach einer chaotischen Vergangenheit in Unbekannte aufbrechen? Erst, wenn sie nicht mehr weiter wissen und ihr Leben in Scherben liegt? Diese Frage beantworte ich gerne mit einer Gegenfrage. Warum gibt es Menschen, die auch unter diesen Umständen lieber zu Hause bleiben und von vornherein keinerlei Interesse am Nomadentum zeigen? Weil es sie gibt.

Wenn wir durch Krisen nach Lösungen suchen, öffnen wir uns für Unbekanntes. Wir beginnen zu recherchieren und uns mit unseren Möglichkeiten auseinander zu setzen. Das eine verwerfen wir, das andere probieren wir aus, je nach Interessen. Es gibt genauso viele zufriedene Reisende, wie zufriedene sesshafte Menschen. Es gibt genauso viele unglückliche Reisende, wie unglücklich sesshafte Menschen. Sagt uns das irgendwas über ihre Interessen? Hat unser Unglück grundsätzlich damit zu tun, ob wir ein eigenes Haus besitzen, oder um die Welt trampen?

Ich denke, es kommt ganz stark auf die jeweilige Lebensführung an. Langzeit-Nomadentum hat nichts mit Urlaub zu tun. Es ist ein vollwertiges Leben mit allen Höhen und Tiefen, welches man sich erschaffen kann. Wer unterwegs arbeitet um sich zu finanzieren und mit dieser Arbeit zufrieden ist, verleiht einem Großteil seines Tages bereits einen gewissen Sinn. Wer sich gemeinnützigen Projekten verschreibt, in die Kultur eines neuen Volkes eintaucht und etwas von sich selbst gibt, erlebt einen ganz anderen Alltag als derjenige, der nur für sich lebt, isst, schläft, Sightseeing macht und Einreisestempel sammelt. Nicht anders als zu Hause, im Eigenheim. Das gleiche Prinzip. Das einzige was sich verändert ist die Umgebung, nicht die persönlichen Bedürfnisse. Reisen an sich bedeutet nichts. Gleichzeitig gibt es 1000 verschiedene Möglichkeiten die Welt zu entdecken. Jeder Mensch gestaltet seine Tage anders und bringt andere Vorraussetzungen mit, für das persönliche Glück. Es gibt keine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen und genau deswegen sind Pauschalkritiken der zu Hause gebliebenen auch so unangebracht.

 

Nicht alle Langzeitreisenden packen ihre Koffer aufgrund eines Traumas.

Es muss also noch etwas geben, etwas Mystisches, etwas Unsichtbares, was uns dieses freie Leben so sehr lieben lässt, während andere Menschen auf ein Eigenheim hin sparen. Das ist nichts Unnormales, Krankhaftes oder Egozentrisches. Diesen Lifestyle zu lieben ist genauso normal, wie einen 9 to 5 Job im Büro und sein Häuschen im Grünen zu lieben. Ich kann diese Liebe zum konventionellen Leben wahrscheinlich ebenso wenig nachvollziehen wie andersherum, aber muss ich das? Muss ein sesshafter Mensch mir erklären können, warum er sein sesshaften Leben liebt? Muss er nicht. Wenn er es tut, dann freue ich mich für ihn. Ich verurteile ihn nicht, nur weil ich sein Leben nicht leben möchte. Diesen Respekt erwarte ich meinem Leben gegenüber ebenso.

 

Genau das Gegenteil von dem was viele Reisekritiker erwarten, passiert in Wirklichkeit.

Alleine auf sich gestellt, in einem völlig neuen Kulturkreis wird das eigene Leben stärker reflektiert. Persönliche Probleme und Instabilität treten deutlich stärker in den Vordergrund und laden zum nachdenken ein. Potenziert wird dies von anderen Reisenden, denen es unterwegs genauso geht. Wer beginnt zu reisen, kann sich nicht mehr so eingespielt vor sich selbst verstecken. Reisen fordert und ist anstrengend.
Wir hören auf davonzulaufen und stellen uns dem Leben. Diese Erkenntnis kommt unterwegs, meiner Erfahrung nach, deutlich schneller, als in dauerhaft vertrauter Umgebung mit den immer selben Menschen um die man sich dreht.

 

Auch ich werde häufig von Familie, ehemaligen Freunden und neuen Bekannten für meinen Lebensstil kritisiert.

Ich versuche diesen Menschen mit Wohlwollen zu begegnen und nicht mit Wut. Sie wissen es nicht besser und haben gewisse Erfahrungen noch nicht gemacht. Sie stecken, was das Thema angeht, noch in den Kinderschuhen. Ihnen muss Verständnis und Geduld entgegengebracht werden. Es gibt in jedem einzelnen Leben so unendlich viele Beweggründe für jede Entscheidung die wir treffen. Ich bin müde darüber nachzudenken. Es ist schlicht und ergreifend nicht wichtig, sondern lässt uns ewig um die Vergangenheit kreisen.

Dauerhaft nomadisch zu leben ist kein Hexenwerk, sondern eine Frage der Interessen und der inneren Kultur. Ein relativ neues und gleichzeitig uraltes Lebensmodell, welches viele ausprobieren und einige dauerhaft umsetzen. Viel unspektakulärer, als sich die meisten Nicht-Nomaden vorstellen. Ob wir mit unserem Leben zufrieden sind und uns in unserer Haut wohlfühlen geht so viel tiefer und hat nichts mit Reisen oder nicht Reisen zu tun. Es ist das innere Leuchten, das Funkeln des Spiegelbilds am Morgen, die Freude an den Aufgaben des Tages. Es ist der Weg auf dem wir gehen, von innen heraus, wo auch immer er hinführt.

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